Die Motivation für folgenden Beitrag entstand aus einer sehr emotionalen Email, die der finnische Computerspielwissenschaftler Frans Märyä vor ein paar Tagen als Reaktion auf den Amoklauf im finnischen Tuusula an die Gamesnetwork Mailingliste geschickt hat. Wie in den Fällen davor war auch der finnische Amokläufer ein Fan von Egoshooter Spielen. Was die Situation diesmal aber dramatisch unterscheidet und in meiner Wahrnehmung für das nähere Verständnis des Phänomens der schulischen Amokläufe extrem wichtig macht ist die Tatsache, dass hier ausgerechnet das pädagogische Vorzeigeland Finnland betroffen ist.
Zu allererst möchte ich daher mit aller Deutlichkeit bemerken, dass hiermit der von Christian Pfeiffer gebetsmühlenartig verbreitete Unsinn eines Zusammenhangs zwischen Mediennutzung, Gewalt und Schulsystem meiner Meinung nach ein für alle mal ad absurdum geführt wurde.
Die Anzahl der Stunden, die Schülerinnen und Schüler in der Schule verbringen hat offensichtlich keinen wesentlichen Zusammenhang mit der Intensität der Mediennutzung und schon gar keinen mit der Wahrscheinlichkeit von gruppenmörderischen Gewaltausbrüchen. Dies ist für mich derartig klar, dass ich zunehmend Schwierigkeiten bekomme in diesem Zusammenhang nicht in reine Polemik auszubrechen. Aus diesem Grund möchte ich auf Pfeiffers Ansichten hier nicht weiter eingehen und mich stattdessen auf Aussagen von Kollegen beziehen, die auch tatsächlich wissen wovon sie reden.
In seiner Email kommt Frans Märyä zu folgender Einschätzung: "Rather than just being suicidal, there are now also cultural models available of turning self-destructive depression, fear and hatred back on society, and making a media spectacle out of one's death by staging a shooting rampage. Games are actually in a sort of a side role here, they just happen to be a key social and cultural environment where important parts of young people's empowerment are being acted out today, and also an area of their life which the 'adult society' is unwilling to take seriously or even enter."
Wer die Berichterstattung des Vorfalls verfolgt hat wird bemerkt haben, dass viele Beteiligte anführten, der Amoklauf sei nicht vorhersehbar gewesen. Nun hat der 18-jährige (Selbst-)Mörder seine Tat aber am Vortag in YouTube öffentlich angekündigt. Es ist zwar bereits bedenklich, dass derartige Ankündigungen von der Erwachsenenkultur nicht gefunden werden. Dass sie aber selbst nach deren Auffinden nicht in ihrer Bedeutung als Ankündigungen erkannt werden ist ein wesentlich massiveres Problem auf höherem Niveau. Man stelle sich das Gefühlsleben eines verwirrten Jugendlichen vor, der eine Tat von unaussprechlicher Grausamkeit als eine Form von Hilferuf für die ganze Welt sichtbar ankündigt und dann feststellen muss, dass sich absolut niemand dafür interessiert. Kann man sich eine Situation vorstellen, die sich noch hilfloser anfühlt? Ich kann es nicht. Und damit wird der Schritt von der Ankündigung zur Tat als Konsequenz einer empfundenen, ultimativen Unwichtigkeit emotional nachfühlbar.
Wie Frans Märyä bemerkt ist somit die Ignoranz der Erwachsenenkultur gegenüber der medialen Welt der Jugendlichen der Kern des Problems. Wir leben in einer Welt des medialen Analphabetentums in der die Analphabeten ihr eigenes Analphabetentum nicht also solches zu erkennen imstande sind. Und so rufen die Jugendlichen um Hilfe und jene, die angesprochen sind, haben nicht die entsprechenden Kompetenzen um zuhören zu können. Interessanterweise setzt sich diese von uns oft vorgebrachte Erkenntnis inzwischen auch in anderen Disziplinen durch. So habe ich heute mit großer Begeisterung festgestellt, dass ein geschätzter Kollege an der Donau-Universität Krems, der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier, in einem Kommentar in den Salzburger Nachrichten in das gleiche Horn stößt. Trotz aller Frustration über die momentane Situation besteht also Hoffnung auf Besserung.
Für Frans Märyä ergibt sich ein unmittelbarer medienpädagogischer Handlungsbedarf: "Considering the neglect, or this apparent 'digital games divide', I would call for a national games strategy or some similar serious governmental action to be taken right now, in addition to every possible form of grassroots social, games and media education activism. If parents spend all their time working to death in uncertain, project based jobs, and the young are left alone to express their feeling of alienation in Internet and games worlds, then I think it is high time to find ways in how we can make everyone to talk to each other more, and maybe even to play together more. Play is interaction, free and voluntary togetherness, and that is exactly what our fragmenting families and communities need."
Ich wüsste nicht, wie man dies besser auf den Punkt bringen könnte.

Leider muß ich zu diesem Thema eine Story anfügen, deren letzten Absatz man sich ansehen sollte: http://ooe.orf.at/stories/235741/
Kommentiert von: Andreas Wochenalt | Donnerstag, 15. November 2007 um 23:48 Uhr
Es wird interessant sein, wie sich die Hintergründe dieser Tat schlussendlich darstellen. Hoffentlich handelt es sich dabei nicht um einen Nachahmungsunfall.
Kommentiert von: Michael Wagner | Freitag, 16. November 2007 um 11:03 Uhr