Im Rahmen unserer Vortragsreihe "BT Talks" hatten wir heute die Ehre Rolf Schulmeister, einen der wichtigsten akademischen Vertreter des E-Learnings im deutschsprachigen Raum, an der Donau-Universität Krems zu Gast zu haben. Dabei sprach Schulmeister über die Demystifizierung der Digital Natives, also seinen Versuch die insbesondere auch von Marc Prensky aufgestellte Vision einer auf digitale Medien fokussierten Generation zu widerlegen. Seine zugrunde liegende Streitschrift "Gibt es eine Net Generation?" ist seit einiger Zeit Ausgangspunkt heisser Diskussionen von Gegnern und Befürwortern der Prensky These. Insoferne war ich sehr gespannt auf diesen Vortrag.
Eigentlich ist die Frage nach der Gültigkeit von Prenskys These bei genauerer Betrachtung aus wissenschaftlicher Sicht nicht sonderlich sinnvoll. Schliesslich handelt es sich dabei um eine rein populärwissenschaftliche Behauptung ohne echten wissenschaftlichen Anspruch. Warum also etwas widerlegen, das überhaupt keinen Anspruch auf wissenschaftliche Beweisbarkeit stellt? In der doch überraschend großen Angriffslustigkeit im Vortrag war allerdings zu erkennen, dass Schulmeister wohl über die breite akademische Aufnahme dieser populärwissenschaftlichen Sichtweise verärgert zu sein scheint. Insoferne ist sein Versuch einer Widerlegung akademisch-menschlich verständlich.
In Schulmeisters Streitschrift gibt es etliche Passagen, in denen viel Wichtiges geschrieben steht. Beispielsweise müssen wir uns von der Idee verabschieden, dass alle Kinder, die mit Medien aufwachsen auch medienaffin agieren. Dies bedeutet insbesondere, dass die viel zitierte "Digital Divide" nicht verschwindet, sondern sich eigentlich sogar verstärkt. Dies ist aber nicht wirklich eine neue Erkenntnis und findet sich zum Beispiel auch in den Arbeiten von Henry Jenkins in der Form des "Partizipation Gap". Auch die Tatsache, dass Mediennutzungskompetenz nichts mit kritischer Medienkompetenz zu tun hat – oder anders gesagt, dass die Kompetenz im Umgang mit interaktiven Medien nicht bedeutet, dass die Nutzerinnen und Nutzer Inhalte auch kritisch hinterfragen können – ist alles andere als neu.
Der Vortrag hinterließ bei mir daher zunächst den etwas faden Beigeschmack einer Kombination von Aussagen, deren Notwendigkeit mir nicht sonderlich klar ist, mit Aussagen die zwischen Trivialität und Altbekanntem pendeln. Da dies aber nicht notwendiger Weise bedeuten muss, dass diese Auseinandersetzung mit der Idee der Digital Natives an und für sich sinnlos wäre, blieb ich guter Hoffnung.
Richtig problematisch wurde es für mich erst, als Schulmeister auf das Gaming zu sprechen kam. Insbesondere meinte er, alle ihm bekannten empirischen Untersuchungen würden beweisen, dass Computerspiele in erster Linie im Alter zwischen 10 und 12 wichtig wären und wenige Jahre danach mehr oder weniger in die Bedeutungslosigkeit verschwinden. Nun ist die Demographie der Gamer ausgesprochen gut untersucht wobei alle im Umfeld der Game Studies durchgeführten Studien zeigen, dass sich das Durchschnittsalter der Spielerinnen und Spieler kontinuierlich steigert und schon lange nicht mehr in der Altersregion 10-12 Jahre zu finden ist. Die Durchschnittsalter der Kernzielgruppen für Computerspiele sind genreabhängig teilweise erheblich höher (bei MMORPGs etwa 30).
Auf meinen Hinweis, diese Alterseinschätzung könne daher so nicht stimmen, meinte Schulmeister launisch das stimme aber so und ich hätte einfach unrecht. Computerspiele hätten seiner Meinung nach schon bei älteren Jugendlichen keine echte Bedeutung mehr. Dies von einem anerkannten Wissenschaftler aus dem Medienumfeld zu hören hinterliess mich zugegebener Weise etwas verblüfft und wortlos. Gleichzeitig war dies für mich aber auch ein wichtiger Hinweis, dass die von Schulmeister vorgetragene Streitschrift bei aller Richtigkeit von einzelnen Teilergebnissen inhaltlich ernsthaft zu hinterfragen ist. Offensichtlich ist die Interpretation der von Schulmeister zitierten Studien nicht in allen Fällen richtig. Vielleicht gibt es die Digital Natives also doch.
Es wäre daher nun interessant, Schulmeisters Arbeit insbesondere aus Sicht der Game Studies genauer zu beleuchten und die Ergebnisse zum Beispiel mit den Ergebnissen der zahlreichen empirischen Studien in der Computerspielnutzung zu vergleichen. Vielleicht findet sich unter den Leserinnen und Lesern dieses Weblogs ja jemand, der sich diese umfangreiche Arbeit antun will. Schulmeisters Streitschrift ist über 100 Seiten lang und hier online zum download verfügbar.

danke für den tollen Beitrag, ich werde Herrn Schulmeister einfach mal ein paar Ergebnisse der Studie Pfeiffer/Primus/Götzl bezüglich der Demografie der Spieler zukommen lassen ;-). Es wäre ihm auch anzuraten das Kapitel über sein Fachgebiet im Game-Studies Buch (MIT Press) zu lesen....
Kommentiert von: Alexander Pfeiffer | Samstag, 17. Mai 2008 um 22:56 Uhr
Der Link zur neuen Version der "Streitschrift" http://www.zhw.uni-hamburg.de/uploads/schulmeister-net-generation_v2.pdf
Kommentiert von: Alexander Nischelwitzer | Samstag, 13. Dezember 2008 um 20:51 Uhr