Am 11. August 2008 wurde in Busan, Südkorea, die "International e-Sport Federation" gegründet. Auf Einladung der KESPA ("Korean e-Sport Association") und des koreanischen „Ministry for Culture, Sports and Tourism“ durfte ich dabei sein, als der Gründungsvertrag der IeSF von Stefan Baloh, Präsident des ESVÖ (E-Sportverband Österreichs, www.esvoe.at), gemeinsam mit seinen Kollegen der anderen Gründungsstaaten unterzeichnet wurde.
Die Unterzeichnung fand im ehrwürdigen APEC-Gebäude statt, welches für das Meeting der "Asian Pacific Economic Cooperation" 2005 errichtet wurde, und war wirklich sehr schön, feierlich und "staatstragend" inszeniert - Stefan hat sich danach allerdings geweigert, auf den Balkon zu treten und zu verkünden: "Der e-Sport ist frei!" :-)
Gründungsmitglieder der IeSF sind die nationalen e-Sport-Verbände von Belgien, Dänemark, Deutschland, den Niederlande, Österreich, der Schweiz, Südkorea, Taiwan und Vietnam. Ziel der IeSF ist es, gemeinsame und weltweit gültige Standards für den e-Sport zu schaffen. Dies betrifft die Etablierung eines internationalen Rankings ebenso, wie die Auswahl der Spiele und die Ausbildung der Schiedsrichter. Eine zentrale Aktivität wird die Ausrichtung internationaler Turniere darstellen, die jedoch bestehende Veranstaltungen nicht verdrängen sollen.
Aus den der Unterzeichnung vorausgegangenen Präsentationen und Diskussionen beim e-Sport-Symposium 2008, das von 9.-11. August in Busan stattgefunden hat, wurden aber auch die großen Herausforderungen (wie das neudeutsch so schön heißt, wenn etwas echt schwierig ist) deutlich, die auf die IeSF zukommen:
- Ein internationales Ranking setzt nationale Rankings voraus - diese gibt es aber in kaum einen Staat bislang! Mehr noch: in vielen Staaten sind verschiedene Liegen parallel am Laufen und bei den Spielenden verankert. Diese Liegen werden teils online (z.B. ESL), teils offline (z.B. WWCL, LGZ) und teils gemischt (z.B. WCG) ausgetragen. Wie soll hier ein nationales Ranking erfolgen, das einerseits die bestehenden Spieler- und Liegen-Kulturen respektiert, weiter bestehen lässt und nutzt, und das andererseits mit einem internationalen Ranking kompatibel ist?
- Weiters stellt sich die Frage, welche Spiele zu "IeSF"-Titeln werden sollen. Neben der auch hier bedeutsamen nationalen Spielekultur (in Südkorea wird es ohne Starcraft nicht gehen, SF ist in Asien extrem populär, in Europa ist CS unverzichtbar) sind auch lizenzrechtliche Überlegungen einzubeziehen, um sowohl die langfristige Wartung der Programme sicherzustellen, wie auch die offene Berichterstattung und Übertragung zu gewährleisten.
- Und jedenfalls wird es auch neues Geld von Sponsoren brauchen, vor allem, wenn IeSF-Turniere nicht zu Lasten bestehender Wettbewerbe gehen sollen.
Die "Signatar-Staaten" - also die neun nationalen e-Sport-Verbände, welche die IeSF gegründet haben - sehen die Probleme jedoch als lösbar an. Bereits im Herbst 2008 soll die organisatorische Struktur des Verbandes zumindest provisorisch fixiert und geschaffen werden. Weiters wird davon ausgegangen, dass die Zahl der Mitglieder (Staaten) schon kurzfristig zunehmen wird. Und schließlich soll es noch heuer ein erstes "IeSF-Freundschaftsturnier" geben.
Die Gründung der IeSF schafft jedenfalls - neben der rein e-sportlichen Bedeutung - auch eine weitere Grundlage für die gesellschaftliche und politische Anerkennung des e-Sports und des Gamings allgemein. Das Engagement von Südkorea bei dieser Gründung ist schließlich darauf zurück zu führen, dass diese Anerkennung dort seit vielen Jahren selbstverständlich ist: Im südkoreanischen Ministerium für Kultur, Sport und Tourismus ist dem e-Sport eine eigene Abteilung gewidmet und vom Ministerium wurde die „Korean Games Industry Agency“ (KOGIA); die südkoreanische Armee ermöglicht - wie vielerorts, auch in Österreich, bei "klassischen" Sportlern üblich - einem Clan das Training und die Teilnahme an Turnieren (ACE); bei größeren Turnieren schauen tausende Fans zu und es herrscht eine Stimmung, von der so manches Fußballstadium in Österreich nur Träumen kann (ich durfte beim Finale der ProLeague am 9.8. dabei sein ... siehe Linkempfehlung am Ende!); mehrere Fernsehkanäle und Wochenzeitschriften berichten ausschließlich über e-Sport... Wenn in den nächsten Jahren hierzulande auch nur ein Teil dieses Status erreicht wird, kann sich der e-Sport in Österreich freuen! Mit der IeSF im Rücken können nun nationale Verbände wie der ESVÖ gegenüber der Politik und Gesellschaft auftreten und verdeutlichen, dass der e-Sport tatsächlich Sport ist (oder zumindest dem Sport sehr Nahe steht).
Wichtig wird es allerdings sein, so betont Stefan Baloh, dass die Dominanz Südkoreas schrittweise zurückgenommen wird und jede Konzentration der "Macht" bei einem Mitgliedsstaat verhindert wird. Kurzfristig sei es notwendig und gut, wenn Südkorea seine Erfahrung und Möglichkeiten (z.B. auch in finanzieller Hinsicht) der IeSF zur Verfügung stellt und etwa in der Anfangsphase die organisatorischen Strukturen in Seoul zusammenlaufen und getragen werden. Langfristig würde dies jedoch weder dem e-Sport selbst noch den Bemühungen um eine politische und gesellschaftliche Anerkennung dienlich sein. Nicht nur eine Expansion sondern eine tatsächlich breite und internationale Trägerschaft der Organisation sowie intern und extern transparente und demokratische Abläufe und Entscheidungen sind erforderlich. Und noch eine zweite Gefahr gilt es für die IeSF zu vermeiden: Die Organisation und die Strukturen dürfen nicht Selbstzweck werden! Vielmehr hat der Fokus der Auseinandersetzung und der Aktivitäten im Bereich der Spiele zu liegen. Die IeSF soll, so hat es Stefan Baloh bei der Rückreise am Flughafen von Busan mir gegenüber formuliert, nicht "Reisebüro für Funktionäre sondern Motor des weltweiten e-Sports werden." Ich meine, die Chancen stehen gut, dass dies gelingt. Dem e-Sport ist es zu wünschen - Happy Birthday, IeSF!
P.S.: Eine kleine Auswahl photografischer Eindrücke der IeSF-Gründung und von Busan findet sich in meinem privaten Blog: rose-factory Weblog

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